Einst galt das Südtiroler Sarntal als Hexen-Hochburg. Bergauf wünschen sich manche Biker heute auch einen fliegenden Besen, doch bergab wäre es wirklich zu schade um die spannenden Trails Burg Reinegg im Sarntal

Wo die Hexen ihr Unwesen trieben

Und “Wally” wie ihn seine Freunde nenne, rührt nur allzu gerne in diesem Talkessel herum. Mit übernatürlichen Kräften stünde er dabei durchaus in guter Tradition. Denn der Glaub an die Macht der Hexen war einst starkt im Sarntal. Die nach ihm benannte “Wally-Runde” eine kurze, knackige Technikspielerei von gut 500 Höhenmeter, führt ihn immer wieder an der Burg Reinegg vorbei, die erhaben über dem Städtchen Sarnthein wacht.

Hier spielten sich einst gruselige Szenen ab. Die Pachler-Zottl, die berühmteste Hexe der Sarner Geschichte, gestand in den Verliesen der Burg unter der FOlter die ihr vorgeworfenen Untaten – und endete auf dem Scheiterhaufen. Lang, lang ist’s her. Heute müssen selbstbewusste Frauen im Sarntal keine Scheu mehr haben, ihre Stärke voll auszuspielen.

Die Heimat der Sarner hat die nach Rom zweitgrößte Gemeindefläche in Italien. Nicht nur geographisch liegt sie im Herzen Südtirols. Auch die weitläufigen Höhenzüge um den y-förmigen Taleinschnitt mit dem Seitenarm, dem ursprünglichen Durnholzer Tal, lassen sich mit der Form eines Herzens gut beschreiben. Doch das Tal ist kein Revier für Bike-Einsteiger. Wer den Talgrund verlässt, muss gleich anständig kurbeln. Bezeichnend ist das enge Durnholzer Tal. Zum Talabschluss mit dem wildromantischen See führt die Straße vorbei an steilen Almwiesen. Keine Mähmaschine schafft diese Steigung Die Bergbauern mühen sich hier bis heute mit der Sense ab.

Der Scheiß mühsamer Arbeiter gehört ins Sarntal wie das kleinste Ritzel ans Bike. Der atemberaubende Dolomitenblick ist ehrlich verdient. Biker und Wanderer müssen gut 1000 Höhenmeter überwinden, bis deren schroffe Spitzen das Blickfeld einnehmen – und einen mit ihrem majestätischen Antlitz dann nicht mehr loslassen. Die vielleicht schönsten Berge der Alpen und die Geisler-Spitzen gefolgt vom massiven Block der Sella mit der markanten Pyramide des Piz Boé, dann noch Langkofel, Plattkofel, Marmolada, der Rosengarten und das Latemar-Massiv.

Der Höhenzug auf der östlichen Seite mit dem Rittner Horn als Vorposten erstreckt ich viele Kilometer hinauf zum Penserjoch hoch über Sterzing. Das ist eine einzigartige und ursprüngliche Naturlandschaft, eine riesige Spielweise für Genießer mit Almen zum Einkehren und bezaubernden Rastplätzen. Man möchte fast hier oben bleiben und der Sonne beim Untergehen zuschauen. Stünde da nicht nocht eine Abfahrt am Programm, die für ambitionierte Biker wie geschnitzt scheint.

Der Weg vom Latzfonser Kreuz, dem Wegekonten auf 2300 zieht an der Gedrum-Alm vorbei immer am Bach entlang bis hinunter auf die Straße im Durnholzer Tal. Über 1000 Höhenmeter feinster Abfahrtsgenuss, an dem die landschaftlichen Schönheiten und technischen Finessen nur so vorbeifliegen. Der Zauber wirkt! Wenn sich Downhill-Fans im Sarntal vergnügen wollen, dann hier. Denn der Gedrum-Trail führt nahe an den Liftanlagen des Skigebiets von Reinswald vorbei, den einzigen Bahnen im gesamten Tal. Von der Bergstation der Gondelbahn ist der Trail-Einstieg über einen verwinkelten Höhenweg schnell erreicht. Aber auch andere Varianten sind verlockend. Wer die Quelle des Gedrum-Baches über das Latzfonser Kreuz umfährt, der kann auch noch die Kehren auf der anderen Talseite mitnehmen. Eine rote, 300-Höhenmeter-Schotterrutsche, die im Talgrund wieder in den Gedrum-Trail mündet.

Auf der westlichen Seite des Tals gibt es keine Bahnen, aber dafür die Sarner Skihütte, die vor allem einheimische Touren-Geher im Winter den Aprés Rausch der besonderen Art schenkt. Biker lssen die Schnäpse hier besser aus. Denn nach der Skihütte folgt zunächst eine knackige SChotterrampe, die erst über der Waldgrenze in einen Almweg gemäßigter Steigung übergeht. Bei der Auffahrt zum Sattel rückt bald auch das Tagesziel in den Blick: die Hohe Reisch, eine 2000 Meter hohe Aussichtskuppe.

 

 Stoanerne Mandl im Sarntal

“SToanerne Mandeln” sagen die Einheimischen auch zu diesem AUssichtsplatz. Und schon bald sind die vielen hundert STeinfiguren zu erkennen. Der tief ausgewaschene Wanderpfad macht das Treten aber noch einmal schwer. Tatsächlich hat dieser mittelalterliche Hexentreff bis heute seinen Mythos nicht verloren. Wie schaurig muss es hier sein, wenn der Vollmond lange Schatten wirt und die Steinmänner zum Leben erweckt.

Weit unten fließt die Etsch in Richtung Süden und mit einem guten Fernrohr wäre die Autos zu erkennen, die auf der Autobahn in Richtung Gardasee rollen. Viele Biker gäbe es da zu zählen. Warum fliegen, wenn das Biken hier so Spaß macht.